Nachgefragt – Interviews

In unserem Newsletter, der viermal im Jahr erscheint, sprechen wir jeweils mit einem Experten über ein werbe- bzw. medienrelevantes Thema. Die vollständigen Interviews finden Sie an dieser Stelle vor. Neben dem Interview aus dem aktuellen Newsletter finden Sie hier außerdem einige andere, bereits ältere Interviews. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre.

Dr. Hipeli über Kinder und Mediennutzung

Dr. Eveline Hipeli ist Medienpädagogin und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie arbeitet an der Pädagogischen Hochschule Zürich im Bereich Medienbildung und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema „Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen“. Seit  2011 engagiert sich Frau Dr. Hipeli im Expertenbeirat von Media Smart


1.
Frau Dr. Hipeli, Sie sind selbst Mutter von drei Kindern. Welche „Medien-Regeln“ haben Sie für Ihre Kinder aufgestellt?

Bei uns gibt es ganz ähnliche Regeln, wie sie andere Eltern auch für ihre Kinder zusammenstellen. Mir sind drei Dinge wichtig: „warum“ meine Kinder Medien nutzen, „was“ sie nutzen und natürlich dann auch „wie viel“. Wir vereinbaren also zum Beispiel eine gewisse Zeit mit den Kindern, während der sie etwas Hören oder Schauen dürfen. Wir schauen auch, dass es in den Alltag hineinpasst; sprich, wenn es ein Regentag ist, liegt sicher eine andere Mediennutzung drin, als bei strahlendem Sonnenschein. Mehr noch als das „wie viel“ regeln wir sicher die Inhalte. Meine Töchter sind 5 und 7 Jahre alt und haben schon ganz spezifische Vorlieben und „Medienhelden“. Da versuchen mein Mann und ich zuerst zu schauen, was das überhaupt ist, was unsere Töchter interessiert und ob es alters- und entwicklungsangemessen ist. Oftmals suchen wir gemeinsam mit den Kindern neue Inhalte aus und besprechen diese auch. Diese Vereinbarungen gelten bei uns übrigens nicht nur für TV-Sendungen, Spiele-Apps oder Hörgeschichten sondern auch für Bücher, Comics und Zeitschriften. Den 1-Jährigen kümmern diese Regeln natürlich noch wenig 😉 – er geniesst es erst einmal nur, die Bücher der Schwestern oder das iPad Mini der Mama durch die Wohnung zu tragen und zu verstecken.

2. Und funktionieren diese Vereinbarungen denn im Familienalltag?

In den meisten Fällen schon, aber natürlich gibt es auch bei uns Diskussionen. Das wäre auch seltsam, wenn nicht. Ich bin der Meinung, dass Kinder schon früh auch lernen sollen, über Medien zu diskutieren: über die Inhalte, über die Fragen die auftauchen, über die Gefühle die entstehen aber auch über die Medienregeln der Eltern und wenn sie mal nicht einverstanden sind. In den meisten Fällen findet sich eine Lösung, die nicht zu Frustration führen muss. Aber wer denkt, dass es bei den Medienpädagogen zu Hause immer harmonisch zugeht und keine TV-Verbote als Konsequenz entstehen, der irrt natürlich. Wir kochen auch nur mit Wasser. Das ist im Ratgeber „Medien-Kids“ übrigens auch festgehalten; dort berichtet eine Vielzahl von Eltern (darunter auch Medienpädagogen und Experten) von ihrer Good Practice zu Hause, was also wirklich gut funktioniert punkto Medien. [1]

3. Inwieweit hat sich das Handlungsspektrum der Medienkompetenz im Laufe der Zeit verändert? Immerhin wurde der Begriff in den 70er Jahren durch den Erziehungswissenschaftler Baacke geprägt. Weder der Gründer von Facebook (Mark Zuckerberg) noch der Hersteller der Snapchat-App (Evan Spiegel) waren zu diesem Zeitpunkt geboren.

 Ich finde die Definition von Baacke auch zum heutigen Zeitpunkt noch immer aktuell und ich verwende sie immer noch sehr gerne. Natürlich haben sich die Gerätschaften verändert, mit denen wir Medien nutzen. Vieles ist seit den 70ern dazugekommen. Mit dem Zugriff auf die Vielfalt an Inhalten im Internet hat sich auch einiges verkompliziert – vor allem auch was die soziale Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber angeht, wenn man Medien nutzt. Aber gerade die Kritikfähigkeit, mit welcher man auf die Medien schauen lernen sollte, ist besonders aktuell und wichtig dabei. Im Grunde ist es so: Wer einfach nur Medien nutzt, ist noch lange nicht kreativ oder kritisch im Umgang damit. Aber wer die Medien gar nicht nutzt und da keine Erfahrungen machen kann, der kann auch nicht lernen, sie kreativ, kritisch und gewinnbringend für sich einzusetzen. Egal ob es sich um das Buch handelt oder um ein Smartphone. Medienkompetenz ist ein grosser Strauss an verschiedenen Fähigkeiten, die oftmals mit Technikwissen viel weniger zu tun haben, als mit allgemeiner Lebenserfahrung.

4. Gibt es aus Ihrer Sicht gegenwärtig besondere Herausforderungen, denen Medienpädagogen, aber auch Lehrer und Eltern im Hinblick auf die Vermittlung von Werbekompetenz bei Heranwachsenden gegenüber stehen?

Die Welt der Kinder ist heute in vielerlei Hinsicht mit Werbung gespickt: Sie hören Werbung, sie sehen Werbung im Fernsehen und sie begegnen ihr auch im Lieblingsheftchen vom Kiosk etc. Eine (nicht unbedingt neue) Herausforderung ist sicher, dass Kinder lernen können, Medieninhalte von Werbeinhalten zu unterscheiden. Das ist manchmal ganz schön schwierig, wenn die Medienhelden im Film dann plötzlich auch in der darauffolgenden Werbung erscheinen und dann auch noch im Supermarkt auf der Süssigkeitenpackung. Mir ist es ein Anliegen, dass Kinder Werbung neutral als etwas kennenlernen dürfen, was es in der Welt eben gibt. Und dass sie Umgangsstrategien entwickeln mit dem Gefühl, welches Werbung auslösen kann: Nämlich dass man etwas unbedingt haben möchte. Selbstverständlich gilt es, neue Werbeformen dabei zu berücksichtigen. Jene, die sich mit den Möglichkeiten des Internet und den Sozialen Netzwerken neu ergeben (haben). Aber im Grundsatz geht es beim Verständnis von Werbung immer um die gleichen Prinzipien.

5. Wie können diese Herausforderungen angegangen werden?

Ich denke man muss die neuen Werbeformen und ihre Entwicklung im Blick behalten und dabei auch abwägen, für welche Altersgruppen diese Entwicklungen wirklich relevant sind. So sind neue Viralkampagnen auf Facebook, Instagram oder Snapchat zwar bei den Jugendlichen ein Thema, bei Kindern im Vorschul- oder im frühen Primarschulalter hingegen noch nicht. Wenn man als Eltern oder Lehrpersonen das Thema Werbung mit Kindern ansprechen möchte, wünscht man sich natürlich Unterstützung dabei, etwa durch fundierte aber auch attraktive Materialien.

6. Worin liegt Ihre Motivation, sich im (wissenschaftlichen) Expertenbeirat für Media Smart zu engagieren, sich also für die Förderung von Werbe- und Medienkompetenz bei Heranwachsenden einzusetzen?

Es ist mir generell ein Anliegen, die Heranwachsenden dahingehend zu begleiten und zu unterstützen, dass sie die Welt in der wir leben (und diese beinhaltet nun einmal auch Medien) risikoreduziert kennen- und begreifen lernen dürfen. Hierfür engagiere ich mich bei Media Smart, an der Pädagogischen Hochschule Zürich aber auch mit privaten Projekten (www.ulladieeule.ch). Wenn ich dabei helfen kann, Werkzeuge zu entwickeln, die eine (frühe) Förderung derjenigen Kompetenzen begünstigen, die dafür von Nöten sind, dann bin ich mit viel Begeisterung dabei. Mir ist es auch sehr wichtig, den direkten Kontakt zur Praxis zu pflegen. Denn was Eltern, ErzieherInnen und Lehrpersonen berichten, verdient ein offenes Ohr.

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[1] Anmerkung der Redaktion: Eveline Hipeli: Medien-Kids. Bewusst umgehen mit allen Medien – von Anfang an. Beobachter-Edition, 2014

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